Überqualifiziert - schwerbehindert - arbeitslos?

Man hat mich gebeten, einen Bericht darüber zu schreiben, wie es ist, mit dem Status „Schwerbehindert“, dann doch noch erfolgreich eine Stelle zu finden. Tja, wo fange ich da an? Vielleicht hier …

Meine Augenerkrankung ist eine seltene. Die Probleme auf dem Arbeitsmarkt sind es nicht. Jeder hat zu kämpfen, ob „normal“ oder „mit Handicap“. Seltsamerweise ist auch eine sehr gute Ausbildung dabei nicht immer so von Vorteil wie man glauben sollte. Meine Erfahrung zeigte, dass ein Studium und ein Magister-Abschluss heute nicht mehr so viel wert zu sein scheinen wie noch ...

in den 90er-Jahren. Fünf Sprachen halfen mir auch nicht wirklich weiter, denn häufig zu hören, bekam ich den Satz: „Sie sind hochqualifiziert – Sie werden sich bei uns langweilen, befürchte ich. Gerne leite ich Ihre Bewerbung aber weiter an unser International Office“, von dem ich dann nichts mehr hörte. Mein Los sah demnach so aus: Überqualifiziert. Arbeitslos. Und seit Neuestem auch noch schwerbehindert. Mit einem GdB (Grad der Behinderung) von 100 mit Merkzeichen G, B und H aufgrund einer genetischen Netzhautdegeneration, welche schleichend über Jahrzehnte zum Absterben der Netzhautzellen führt, lebte ich also alles in allem exakt das glamouröse Leben, welches ich mir als Kind immer erträumt hatte … seufz. Den Status als Schwerbehinderte zu akzeptieren, fiel mir gar nicht so schwer. Es war einfach ein Fakt. Die Probleme mit Nachtsicht, die Gehunsicherheiten, das Stolpern über Stufen, Bordsteinkanten, Treppen sowie andere Hindernisse, die steigende Blendempfindlichkeit vor allem bei Sonneneinstrahlung, das Anstoßen an Gegenständen und Tischkanten, das Umwerfen von Gläsern, die Beulen durch das Laufen gegen Glastüren und der Umstand, dass ich meine Post oder Formulare allmählich nicht mehr entziffern konnte oder in Leute hineinrannte, die in einem toten Winkel meines eingeschränkten Gesichtsfelds standen, sprachen insgesamt eine eindeutige Sprache. Warum sich selbst im Weg stehen und leugnen, dass man Schwierigkeiten hat, wenn man stattdessen auch Hilfe in Anspruch nehmen kann?

Und diese Hilfe gibt es. Ich habe eine Menge sehr hilfreicher, kompetenter Menschen getroffen und sogar eine passende Anstellung gefunden, nachdem ich mich erstmal als Schwerbehinderte bei den Ämtern registriert hatte. Mit dem neuen Status gingen plötzlich unerwartet Türen auf, von denen ich gar nicht wusste, dass sie existierten. Zunächst ist es etwas mühselig, selbständig alle Informationen zusammenzutragen und die richtigen Anlaufstellen zu finden. Man braucht schon einiges an Eigeninitiative, muss sich selbst darum kümmern, Dinge in Bewegung zu setzen. Danach galt es, sich über die vorhandenen Hilfsmittel einen Überblick zu verschaffen. Denn mit ihnen lassen sich tatsächlich Defizite sehr gut ausgleichen. Über Internet, Kliniken, spezialisierte Verbände, Medizinprodukte-Berater und den technischen Berater der Agentur für Arbeit erhielt ich Einblick in die Welt der Wunder genannt Hilfsmittel und stellte fest, dass es eine richtige „Szene“ in diesem Bereich gibt. Viele Experten auf dem Gebiet der Sehbehinderungen kennen sich untereinander und arbeiten oft Hand in Hand.

Mit meinen Symptomen und Problemen waren sie ebenfalls vertraut, sodass ich zum ersten Mal mit Menschen zu tun hatte, die es vollkommen normal fanden, dass ich in ihrer Gegenwart mal wieder über einen dunklen Stuhl auf einem dunklen Teppichboden fiel. Ihr Verständnis nahm mir die Anspannung, die einen überkommt, wenn man ständig versucht zu kompensieren, was alle anderen auf einen Blick sehen – wo ich noch dabei bin den Raum zu scannen. Diese Art von Vertrautheit mit meiner Einschränkung war für mich neu und eine echte Wohltat. Außerdem hatte ich das Glück an erfahrene Spezialisten mit Jahrzehnten an Berufserfahrung zu geraten, von deren Know-how ich sehr profitierte. Von jedem erhielt ich neue Anregungen und Hinweise zu weiteren Trainings-, Förder- und Hilfsmitteloptionen, sodass die Situation eine Eigendynamik entwickelte. Über eine Kaskade von Ereignissen resultierte dies letztlich in einer Verbesserung meiner Lebensumstände – und einer neuen Arbeitsstelle!

Durch die Schwerbehinderung erhielt ich eine Ausstattung mit technischen Sehhilfen durch die Agentur für Arbeit sowie einen Zuschuss für meinen Arbeitgeber - ein gemeinnütziger Bildungsträger an der Deutschen Weinstraße - für meine Einstellung als Mitarbeiterin für ein Flüchtlingsprojekt. Hier sind seit ein paar Monaten meine organisatorischen und fremdsprachlichen Fähigkeiten im Einsatz. Die Arbeit bereitet mir sehr viel Freude, weil ein angenehmes Arbeitsklima herrscht. Hier werden alle mit derselben offenen, herzlichen Art und einem Lächeln begrüßt – ungeachtet ihrer Herkunft, ihres Bankkontos - oder ihrer gesundheitlichen Situation. Respekt, Offenheit und Toleranz sind dort keine schmückenden Schlagworte, sondern werden täglich gelebt. Von Kollegen und Vorgesetzten habe ich noch nie anderes als Geduld und Empathie für meine Seheinschränkung erfahren. Es ist schön, wieder eine Aufgabe zu haben, obendrein eine, die ich persönlich auch als sinnvoll empfinde. Anstatt mich zuhause auf mein eigenes Elend zu fokussieren und in Selbstmitleid zu zerfließen (ja, auch das kommt vor …), konzentriere ich mich nun jeden Tag darauf, andere dabei zu unterstützen, ebenfalls wieder auf die Füße zu kommen. Es ist beglückend, ein Lächeln auf einem Gesicht zu sehen, wo lange keines mehr zu sehen war.

Wenn man hinhört und die Masken fallen, haben die meisten Menschen kein so einfaches Leben - unabhängig davon, ob sie eine Behinderung haben oder nicht. Jeder schleppt sich früher oder später durch eine schwierige Phase und erlebt eine Krise, die an ihm rüttelt. Das haben wir alle gemeinsam. Und das einzige, was es für uns alle leichter macht, ist es, uns gegenseitig unter die Arme zu greifen.

Ich bin dankbar für die Offenheit meines Arbeitgebers und die Chance, meine Qualifikationen trotz Sehbehinderung weiter einbringen zu können. Bisher scheint meine Einstellung noch niemand bereut zu haben. Und ich habe mich auch noch keine Sekunde gelangweilt …