Mitarbeiter Lager/Logistik

Der 28-jährige Herr S. erschien Anfang Oktober 2015 voller Hoffnung beim Projektpartner BFB e.V. in Grünstadt. Bereits zum Erstgespräch brachte er einige Stellenangebote mit, für die er sich bewerben wollte. An der Deutschen Weinstraße wohnend wünschte er als Winzerhelfer in der Landwirtschaft zu arbeiten. „Das kann ich gut. Ich möchte unbedingt Geld verdienen, um mir ein Auto zu kaufen und unabhängig zu sein. Damit ist es für mich leichter, Verabredungen mit meinen Fußballkameraden zu treffen und auszugehen.“ Herr S. ist gehörlos und spielt in einem Fußballclub der Gemeinde sowie in einem Verein für Gehörlose in Heidelberg. Das Ziel einer Anstellung im Weinbau, mitten in der Erntesaison, sollte eigentlich nicht schwer sein, zumindest nach den Erfahrungen bisheriger Vermittlungen in dieser Weinbauregion. Weit gefehlt, die Situation für einen gehörlosen Arbeitssuchenden stellt sich vollkommen anders dar, wie wir bald feststellen mussten.

Die Geschichte
Aufgewachsen in einer Familie, in der alle hörbehindert sind, war Herr S. bereits durch die Geburt stigmatisiert. Er besuchte die Schule für Hörgeschädigte in Frankenthal und wuchs in diesem Umfeld  auf. Dort konnte er sich ein Netzwerk aufbauen, das ihm Freunde, Vereinsarbeit (Fußball) und vieles mehr ermöglichte. Einzig bei der Arbeit stellte er fest, dass er ein Außenseiter war. So fand er nach der Schule zwar eine Ausbildungsstelle, aber der Arbeitgeber wünschte direkt eine staatliche Unterstützung wegen des vermeintlichen „Mehraufwandes“ an Einarbeitung. Herr S. ist körperlich fit, hat den Autoführerschein sowie den Gabelstaplerschein und einen ungeheuren Einsatzwillen. Das reichte aber oft nicht. Er musste mehrfach die Ausbildungsstelle wechseln. Das verunsicherte ihn mehr und mehr. Hinzu kam, dass er Prüfungsangst hatte, was letztlich dazu beitrug, dass er den Abschluss als Winzer nicht erreichte.
Der berufliche Anschluss ging dadurch verloren. Sein berufliches und soziales Umfeld änderte sich. Die vorherigen Kontakte zu Schulfreunden oder im Verein reduzierten sich und Herr S. zog sich immer häufiger zurück. Zudem bekam er einen geplanten sechswöchigen Kuraufenthalt von der zuständigen Behörde verweigert. In dieser Situation überwies ihn die Reha-Abteilung der Arbeitsagentur Landau an das Integrationsprojekt „schwer-begabt“, mit dem Ziel der Unterstützung bei der Arbeitssuche. Das Berufsintegrationsprojekt „schwer-begabt“ richtet sich speziell an Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen.

Entwicklung im Inklusionsprojekt
Im Coaching wurden gemeinsam Fähigkeiten aus Beruf, Hobby sowie seiner Persönlichkeit beleuchtet und eine individuelle Talentemappe erarbeitet. Diese Talentemappe stellte die Grundlage für die weiteren Bewerbungsaktivitäten dar und bereicherte den Lebenslauf sowie die Bewerbungsschreiben um neue Aspekte. Initiativbewerbungen in der Landwirtschaft blieben erfolglos. Die Hoffnung, noch während der Saison eine schnelle Anstellung zu finden, erfüllte sich nicht. Herr S. verlor die Hoffnung. Das äußerte sich in häufiger Unzuverlässigkeit. Er versäumte Termine, hielt Absprachen nicht ein und brachte seinen Unmut konkret zum Ausdruck. Herr S. zog sich noch mehr zurück. Im Austausch mit seiner Mutter stellten wir fest, dass sein Verhalten depressive Züge annahm. In langen gemeinsamen Gesprächen konnte erreicht werden, dass sich Herr S. Hilfe bei einem Psychiater der Region holte. Er sah keine Perspektive mehr und begab sich vertrauensvoll in die Betreuung des Fachmanns.

Der Weg zum Erfolg
Erfreulicherweise reichten einige Termine beim Psychiater, um die vorherige Zuverlässigkeit wieder herzustellen. Neu motiviert erweiterten wir angesichts des Führerscheins, des Gabelstaplerscheins und der körperlichen Fitness das Spektrum der Branchen auf Lager- und Produktionsarbeit. Leider gab es auch hier nur monatelange Misserfolge. Selbst der Hinweis auf mögliche Eingliederungshilfen seitens der Arbeitsagentur in Form von Geld- oder Sachmitteln brachte keine Lösung. In vielen persönlichen Gesprächen wurde seitens der Arbeitgeber immer wieder auf den „Unfallschutz“ und die Gefahren für einen gehörlosen Mitarbeiter hingewiesen. Natürlich waren für uns die Fragen und Ängste verständlich. Gleichwohl sind sie in diesem konkreten Falle unbegründet, denn es gibt zum Teil sehr gute technische Hilfsmittel, potentielle Gefahrenquellen einzuschränken bzw. auszuschalten. Außerdem kann Herr S. von den Lippen lesen und sich mit seinen Kollegen „Auge in Auge“ völlig normal unterhalten. Dennoch blieb der Erfolg aus. Dabei fiel es schwer, Herrn S. nach den Rückschlägen neu zu motivieren. Auffallend war allerdings zu diesem Zeitpunkt die Stabilität und der Wille, dass Herr S. trotz aller Niederlagen weiter zuverlässig mitwirkte. Wohl auch eine Folge der fachärztlichen Unterstützung.
Die Wende kam dann plötzlich und ganz unspektakulär, ohne „Lärm oder Komplikationen“ im Mai 2016 - also acht Monate nach Projektbeginn. Eine der vielen Bewerbungen führte zum Vorstellungstermin. Herr S. konnte seinen künftigen Arbeitgeber schließlich überzeugen und erhielt einen Arbeitsvertrag zum 1. Juni 2016.

Erfreulich: Der Arbeitgeber wünschte keinen Eingliederungszuschuss oder sogar ein vorgeschaltetes, mehrwöchiges Praktikum. „Wir wollen Herrn S. nicht ausnutzen. Er ist ein normaler Mitarbeiter und soll sich wie seine Kollegen bei der Arbeit einbringen und beweisen“, argumentierten die Personalentscheider im Unternehmen. Ein nicht alltägliches, gutes Beispiel!