Gelebte Inklusion im IT-Unternehmen

Lars Keller, Niederlassungsleiter in Ettlingen mit Katalogmanager Michael Reutter

Seit 1. September arbeitet Michael Reutter als ‚Katalogmanager e-commerce‘ bei AfB social & green IT in Ettlingen, wo er als Teil eines neunköpfigen Teams für die Pflege des Online-Shops zuständig ist. Vorher war er 14 Jahre als Kraftfahrer tätig - bis es seine Krankheit nicht mehr zuließ. Seitdem er die Diagnose Multiple Sklerose bekommen hat, sitzt er im Elektrorollstuhl und benötigt für seine Arbeit barrierefreie Bedingungen. So kam er als Teilnehmer in das Projekt schwer-begabt zum AAW e. V. nach Landau...

 Am 1. Dezember 2016 sind wir zu Besuch im Ettlinger Integrationsbetrieb und werden schon vorm Eingang von Reutter empfangen. Bereits an der Eingangstür sehen wir einen Aufkleber mit der Aufschrift „i500“. Lars Keller, Niederlassungsleiter in Ettlingen, erklärt uns, dass das wachsende Unternehmen AfB eine 100 prozentige Tochter der "Initiative 500 gAG" ist. Ziel der Initiative ist es, 500 Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung in Europa zu schaffen. Der 2004 gegründete Betrieb beschäftigt derzeit über 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an 14 Standorten in Deutschland, Österreich, Frankreich und der Schweiz. Die Hälfte der Beschäftigten hat eine Behinderung.

„Woran merken Sie in der täglichen Arbeit, dass Sie in einem Integrationsbetrieb arbeiten?“ Auf diese Frage antwortet Reutter: „Hier gibt es keine Angst vor Schwerbehinderung. Das Wissen ist da, alle haben Erfahrung im Umgang damit und haben deshalb auch Verständnis. Wenn ich eine Pause brauche oder es mal nicht so schnell geht, ist das ok.“ Mit seinem Rollstuhl benötigt er barrierefreie Zugänge – am Arbeitsplatz braucht er jedoch keine besondere Ausstattung, es ist ein PC-Arbeitsplatz wie jeder andere.

Aufgrund des vorhandenen Netzwerkes von „schwer-begabt“ und der gezielten Suche nach geeigneten, barrierefreien Stellen in der IT-Branche erfuhr die AAW Betreuerin von einer geeigneten Stellenausschreibung von AfB social and green IT gGmbH. Sie machte Reutter darauf aufmerksam und stellte den Kontakt zum Betrieb her. Nach dem Vorstellungsgespräch könnte Reutter in einem anschließenden 14-tägigen Probepraktikum überzeugen und erhielt einen unbefristeten Arbeitsvertrag.

Im Vorfeld lag die besondere Anforderung darin, eine geeignete Mobilitätsform zu finden. Zuerst musste geklärt werden, wie Reutter zum Arbeitsplatz kommen wird. Während des zweiwöchigen Probepraktikums wurde er von Freunden gefahren, da die Genehmigung für den Fahrdienst noch nicht vorlag. Mittlerweile wurde dieser von der DRV genehmigt. Für den Antrag zur KFZ-Hilfe bei der Deutschen Rentenversicherung musste zunächst ein technisches Gutachten erstellt werden. Anträge ausfüllen, Rücksprache mit den zuständigen Sachbearbeitern halten, zu Terminen begleiten und Angebote einholen - bei der Abwicklung mit der DRV wurde er von seiner Landauer Betreuerin unterstützt. Doch der  individuelle Umbau seines Autos wird ihn erst unabhängig machen, denn damit wird er selbst zur Arbeit fahren können.

Nach eigener Angabe lagen die Vorteile seiner Teilnahme im Projekt schwer-begabt vor allem in der Begleitung zu den erforderlichen Institutionen. Der Weg zur Deutschen Rentenversicherung, die Antragstellung für seine Hilfen und schließlich auch die Begleitung zum Bewerbungsgespräch. „Jemanden zu haben, mit dem man alles besprechen kann und der einem begleitet – das war viel wert“, sagt er aus heutiger Sicht.

Als Außenstehender könnte man denken, dass ein arbeitssuchender Mensch mit Behinderung auch ohne Projekte wie schwer-begabt einen Arbeitsplatz im Integrationsbetrieb finden kann. Schließlich werden hier Mitarbeiter mit Behinderung gesucht. Die Realität ist jedoch eine andere, das bestätigen beide - Vorgesetzter Keller und Mitarbeiter Reutter. „Die Hemmschwelle eines Menschen mit Behinderung ist bei Bewerbungen sehr groß, viele finden alleine nicht den Weg zu uns“, berichtet Keller. „Der Kontakt kommt immer über das Integrationsamt oder die Agentur für Arbeit. Mit beiden Institutionen arbeiten wir dicht zusammen und sind sehr dankbar, dass von dort Bewerber geschickt werden. Der Integrationsservice übernimmt die gleiche Vermittlerrolle“,  so Keller weiter. Meistens werde die Behinderung seitens der Bewerber nicht thematisiert – so die Erfahrung in Ettlingen. Reutter erklärt: „Ich hätte mich alleine nicht hier beworben, das wurde erst durch das Projekt möglich.“ Niederlassungsleiter Keller bestätigt dies. Bewerber stellen aber sehr bald fest, dass hier mit dem Thema Behinderung völlig normal umgegangen wird. Keller selbst führt einmal jährlich ein Coaching für Führungskräfte im Unternehmen durch, das sie für die Leitung inklusiver Teams schult.

„social“ und „green“ – diese beiden Worte sind bei AfB im Firmennamen verankert und stehen für die zwei wichtigsten Unternehmenswerte: gelebte Inklusion und ökologische Verantwortung.

Aus dem Projekt schwer-begabt arbeitet eine weitere Mitarbeiterin beim AfB, die vom VFBB Germersheim vermittelt wurde und zeitgleich mit Reutter zum 1. September 2016 ihren unbefristeten Arbeitsvertrag erhalten hatte. Sie zerlegt, prüft und reinigt eingehende Hardware, also TFT-Bildschirme, Handys, Labtops und Rechner.

Wir freuen uns, dass gleich zwei Teilnehmende ihren Platz in Ettlingen gefunden haben. 

Bildnachweis: © VFBB